„Welche Erziehungsformen gibt es im Weinbau?“
Von Alberello, Gobelet und Vaso bis zum modernen Spalier: Wie Winzer in Italien, Frankreich und Spanien ihre Reben erziehen – und warum alte Traditionen plötzlich vor neuen Herausforderungen stehen
Es gibt diese Momente auf einer Reise durch Italien, in denen man gar nicht genau sagen kann, warum eine Landschaft so typisch italienisch aussieht. Vielleicht sind es die Zypressen, die Olivenbäume, die alten Häuser – oder die Weinberge, die sich über die Hügel ziehen.
Und manchmal sind es gerade die Reben selbst.
Mal stehen sie niedrig und frei wie kleine Büsche in der Landschaft. Mal ziehen sich ihre Triebe ordentlich an Drähten entlang. Anderswo bilden sie regelrechte Dächer aus Blättern und Trauben.
Was auf den ersten Blick einfach nur unterschiedlich aussieht, erzählt bei genauerem Hinsehen eine Geschichte: von Klima und Boden, von Rebsorten und Erntemethoden, von jahrhundertealter Erfahrung – und heute zunehmend auch von der Frage, wie Weinbau unter veränderten klimatischen Bedingungen überhaupt noch funktionieren kann.
Eine Rebe ist mehr als eine Rebe
Wer Wein liebt, beschäftigt sich meistens mit den Rebsorten: Sangiovese, Nebbiolo, Barbera, Corvina, Primitivo, Nero d’Avola …
Doch mindestens ebenso interessant ist die Frage:
Wie lässt der Winzer seine Rebe wachsen?
Die sogenannte Erziehungsform bestimmt, wie Stamm, Arme, Fruchtruten und Triebe angeordnet werden. Und sie ist keineswegs eine rein technische Angelegenheit.
Sie entscheidet mit darüber, wie viel Sonne die Trauben bekommen, wie gut die Blätter belüftet werden, wie viel Wasser die Pflanze benötigt und wie gut ein Weinberg bewirtschaftet werden kann.
Viele dieser Formen sind über Generationen entstanden. Winzer haben beobachtet, ausprobiert und ihr Wissen weitergegeben.
Und genau deshalb ist der Blick auf die Rebe auch ein Blick auf die Geschichte des Weinbaus.
Alberello, Gobelet und Vaso – drei Namen, eine Idee
Besonders schön lässt sich das am traditionellen Buschweinbau des Mittelmeerraums erkennen.
In Italien begegnet uns der Alberello, in Frankreich der Gobelet und in Spanien der Vaso.
Die Begriffe sind unterschiedlich, doch die Grundidee ist ähnlich: Die Rebe steht auf einem relativ kurzen Stamm und wird so erzogen, dass sie sich frei und buschförmig ausbreitet. Ein großes Drahtgerüst ist dafür nicht erforderlich.
Diese Form ist nicht zufällig entstanden.
In vielen warmen und trockenen Regionen ist sie eine ausgesprochen sinnvolle Antwort auf die Bedingungen vor Ort. Die kompakte Wuchsform kann helfen, die Pflanze und den Boden vor der intensiven Sonneneinstrahlung zu schützen. Gleichzeitig kommt die Rebe mit vergleichsweise wenig Wasser aus.
Was heute manchmal wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt, war also häufig eine hochintelligente Anpassung an die Natur.
Und genau hier beginnt die Geschichte besonders interessant zu werden.
Denn das Klima, an das diese alten Formen angepasst waren, verändert sich.
Frankreich: Guyot und Cordon de Royat
Schauen wir nach Frankreich, begegnen uns andere vertraute Formen.
Der Guyot ist eine der großen klassischen Erziehungsformen des französischen Weinbaus. Eine oder zwei Fruchtruten werden am Draht befestigt, während kurze Zapfen für die Erneuerung sorgen.
Besonders bekannt ist diese Form aus Regionen wie Burgund.
Daneben gibt es den Cordon de Royat. Dabei wird ein dauerhafter waagerechter Kordon aufgebaut, auf dem kurze Zapfen sitzen.
Wer sich mit italienischem Weinbau beschäftigt, erkennt darin schnell eine Verwandtschaft zum Cordone speronato.
Und plötzlich wird deutlich: Die Grenzen zwischen den Weinbauländern sind gar nicht so scharf, wie wir denken.
Die Winzer überall in Europa standen und stehen vor ähnlichen Fragen:
Wie bringe ich meine Rebe dazu, unter den Bedingungen dieses Ortes möglichst gesunde und hochwertige Trauben hervorzubringen?
Spanien: Vaso und Espaldera
In Spanien ist der Vaso eine traditionelle Erziehungsform. Gerade in den trockenen Weinbaugebieten des Landes ist die niedrige Buschrebe bis heute ein vertrautes Bild.
Daneben hat sich die Espaldera, also die Erziehung an einem Drahtspalier, stark verbreitet.
Das hat auch mit der modernen Bewirtschaftung zu tun: Spaliererziehungen lassen sich leichter mechanisieren und ermöglichen eine kontrollierte Laubwand.
Und auch hier treffen Tradition und Moderne aufeinander.
Die alte Form hat ihre Vorteile. Die moderne Form ebenfalls.
Welche die bessere ist, hängt davon ab, was die Rebe an ihrem Standort braucht.
Und genau das wird angesichts des Klimawandels immer wichtiger.
Was passiert, wenn sich das Klima verändert? oder anders gefragt:
Wie verändert der Klimawandel den Weinbau?“
Weinreben sind erstaunlich anpassungsfähige Pflanzen. Aber auch sie haben Grenzen.
Wenn der Frühling früher beginnt, kann der Austrieb früher erfolgen. Steigen die Temperaturen im Sommer stärker und halten die Hitzeperioden länger an, reifen die Trauben schneller.
Dazu kommen Trockenheit und Wasserknappheit auf der einen Seite und Starkregenereignisse auf der anderen.
Für die Winzer bedeutet das: Die Bedingungen, unter denen eine bestimmte Erziehungsform über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte funktioniert hat, können sich verändern.
Und damit stehen sie vor einer schwierigen Entscheidung.
Bleibe ich bei dem, was meine Familie immer gemacht hat? Oder muss ich etwas verändern, damit mein Weinberg auch für die nächste Generation funktioniert?
Tradition bewahren heißt manchmal, sie zu verändern
Für mich liegt genau hier eine der spannendsten Geschichten des modernen Weinbaus.
Denn Veränderung bedeutet nicht automatisch, dass Tradition verloren geht.
Im Gegenteil.
Vielleicht bedeutet Tradition manchmal gerade, das Wissen der Vergangenheit zu nutzen, um eine Zukunft zu ermöglichen.
Ein Winzer, der seine Reben heute anders erzieht als sein Großvater, gibt damit nicht zwangsläufig dessen Wissen auf.
Vielleicht führt er es weiter.
Nur unter anderen Bedingungen.
Vielleicht verändert er die Höhe der Laubwand. Vielleicht entscheidet er sich für eine andere Ausrichtung. Vielleicht verändert er den Schnitt. Vielleicht pflanzt er andere Rebsorten oder kombiniert traditionelle Methoden mit moderner Technik.
Entscheidend ist nicht, dass alles genauso bleibt.
Entscheidend ist, dass der Weinberg weiterleben kann.
Italien zwischen Alberello, Guyot und Pergola
Gerade Italien zeigt, wie vielfältig der Weinbau mit diesen Herausforderungen umgehen kann.
Vom Alberello im Süden über den Guyot in vielen Weinbauregionen bis hin zu unterschiedlichen Pergola-Systemen im Norden: Kaum ein anderes Weinland besitzt eine solche Vielfalt an traditionellen Erziehungsformen.
Und diese Vielfalt ist ein Schatz.
Denn jede Form erzählt etwas über ihren Standort.
Über das Klima.
Über die Rebsorte.
Über die Menschen, die dort seit Generationen Wein anbauen.
Aber sie ist auch ein lebendiges System. Was gestern ideal war, muss unter den Bedingungen von morgen nicht mehr die beste Lösung sein.
Die Rebe kennt keine Tradition
Vielleicht ist das der Gedanke, der mir bei diesem Thema am meisten im Kopf geblieben ist:
Die Rebe kennt keine Tradition.
Sie weiß nicht, wie ihr Großvater erzogen wurde. Sie kennt keinen Familienbetrieb und keine jahrhundertealte Geschichte.
Sie reagiert auf Sonne, Wasser, Boden und Temperatur.
Der Winzer hingegen kennt die Geschichte.
Er kennt die Arbeit seiner Eltern und Großeltern. Er kennt die alten Methoden. Er weiß, was funktioniert hat.
Und er muss gleichzeitig den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren.
Das macht Weinbau so faszinierend.
Denn in jeder Flasche steckt nicht nur eine Rebsorte und ein Jahrgang.
Darin steckt auch eine Entscheidung:
Wie bewahre ich etwas, das mir wichtig ist, in einer Welt, die sich verändert?
Von der Rebe ins Glas – und in die Zukunft
Wenn wir in diesen Wochen durch Italien fahren oder Bilder von den Weinbergen sehen, begegnen uns überall die Zeichen der Lese.
Die Trauben werden sorgfältig kontrolliert. Die Winzer entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Helfer und Maschinen bringen die Ernte ein.
Und während in den Kellern bereits die nächste Generation Wein entsteht, beginnt draußen im Weinberg schon wieder die Arbeit für das kommende Jahr.
Denn Weinbau denkt in Generationen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Umgang mit dem Klimawandel hier so besonders berührt.
Ein Winzer arbeitet heute mit einer Pflanze, deren Früchte er vielleicht erst in vielen Monaten erntet – und trifft Entscheidungen für einen Weinberg, der noch Jahrzehnte bestehen soll.
Tradition und Zukunft stehen deshalb nicht gegeneinander.
Sie sitzen gemeinsam am Tisch.
Und vielleicht ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit, dafür zu sorgen, dass beide dort auch weiterhin Platz haben.
Ein Glas auf die Zukunft
Wenn Ihr das nächste Mal ein Glas italienischen Wein in der Hand haltet, schaut vielleicht einmal genauer hin.
Fragt Euch, woher die Trauben kommen.
Welche Rebsorte darin steckt.
Wie die Reben erzogen wurden.
Und vor allem: Welche Entscheidungen ein Winzer treffen musste, damit genau dieser Wein heute in Eurem Glas sein kann.
Denn Wein ist niemals nur das Ergebnis eines Jahres.
Er ist das Ergebnis von Landschaft, Erfahrung, Tradition, Veränderung und ganz viel Geduld.
Und vielleicht schmeckt man genau das manchmal auch.
Salute auf die Menschen, die ihre Tradition lieben – und den Mut haben, sie für die Zukunft weiterzuentwickeln. 🍷