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Gibellina Nuova – Eine Stadt entsteht neu

Gibellina nuova - eine Stadt entsteht neu

Reiseerinnerungen aus Sizilien – Kunst, Wein und die Kraft eines Neuanfangs

Es gibt Orte, an denen man ankommt, ein paar Fotos macht und weiterfährt.

Und dann gibt es Orte, bei denen man stehen bleibt.

Gibellina war für mich so ein Ort.

Als ich vor einigen Monaten wieder einmal durch Sizilien gereist bin, hatte ich natürlich eine Vorstellung davon, was mich erwartet. Sizilien kenne ich von vielen Reisen: Landschaft, Wein, gutes Essen, Meer, Sonne – und diese ganz besondere Mischung aus Geschichte und Gegenwart, die man überall auf der Insel spürt.

Aber Gibellina ist anders.

Hier begegnet man zunächst einer Geschichte von Zerstörung. Und je länger man dort bleibt, desto stärker wird eine andere Frage:

Was kann aus einer Katastrophe entstehen?

Eine Stadt, die nicht einfach wieder aufgebaut wurde

Am 15. Januar 1968 erschütterte ein schweres Erdbeben das Belìce-Tal. Gibellina wurde nahezu vollständig zerstört.

Die alte Stadt konnte nicht einfach wieder aufgebaut werden. Stattdessen entstand einige Kilometer entfernt eine neue Stadt: Gibellina Nuova, rund 18 Kilometer vom ursprünglichen Standort entfernt.

Und genau hier beginnt das, was Gibellina bis heute so besonders macht.

Der damalige Bürgermeister Ludovico Corrao hatte eine Idee, die zunächst fast unglaublich klingt.

Er wollte nicht einfach eine neue Stadt bauen.

Er wollte Kunst und Kultur zu einem Teil des neuen Lebens in Gibellina machen.

1969 rief Corrao gemeinsam mit Persönlichkeiten aus der italienischen Kultur dazu auf, die Gemeinde nicht allein zu lassen. Künstler, Architekten und Intellektuelle kamen nach Gibellina und begannen, ihre Vorstellungen in die neue Stadt einzubringen.

So entstand nach und nach etwas, das man heute tatsächlich als Museum unter freiem Himmel erleben kann.

Über 67 Werke verteilen sich inzwischen im Stadtgebiet, darunter Arbeiten von Künstlern wie Pietro Consagra, Arnaldo Pomodoro und Carla Accardi.

Wenn die Stadt selbst zum Kunstwerk wird

Das war es, was mich bei meinem Besuch so fasziniert hat: Hier steht Kunst nicht irgendwo abseits in einem Museum.

Hier geht man durch eine Stadt – und die Stadt selbst wird zum Kunstwerk.

Plätze, Gebäude, Türen, Straßen und große Skulpturen erzählen davon, dass eine Stadt nicht nur aus Häusern besteht.

Sie besteht auch aus Ideen.

Und plötzlich schaut man anders auf die Umgebung.

Man geht nicht einfach eine Straße entlang. Man entdeckt Kunst mitten im Alltag. Man sieht Gebäude nicht mehr nur als Gebäude. Und man beginnt zu verstehen, was Ludovico Corrao mit seiner Vision gemeint haben könnte.

Was mich an Gibellina besonders berührt hat, ist genau dieser Gedanke:

Die Kunst steht hier nicht neben dem Leben. Sie ist Teil davon geworden.

Und dann gibt es noch den Grande Cretto

Zu Gibellina gehört nämlich nicht nur die neue Stadt.

Es gibt weiterhin Gibellina Vecchia – den Ort, an dem die alte Stadt einst stand.

Dort befindet sich heute das wohl eindrucksvollste Symbol dieser besonderen Geschichte: der Grande Cretto von Alberto Burri.

Burri überzog die Ruinen der zerstörten Stadt mit weißen Betonflächen. Dabei nahm das Werk den Verlauf der alten Straßen und Gassen auf. Die Struktur der ehemaligen Stadt ist dadurch noch immer erkennbar – nur in einer vollkommen neuen Form.

Das Werk wurde zunächst zwischen 1984 und 1989 realisiert und schließlich 2015 vollständig fertiggestellt.

Für mich ist gerade dieser Gedanke so stark:

Man hat die alte Stadt nicht einfach ausgelöscht. Man hat ihre Struktur bewahrt – auf eine vollkommen neue Art.

Der Grande Cretto wirkt wie ein riesiges, weißes Gedächtnis, wie ein großes Leichentuch in der Landschaft.

Und vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen Gibellina Vecchia und Gibellina Nuova:

Das eine bewahrt die Erinnerung.
Das andere versucht, daraus Zukunft zu machen.

Kunst und Wein – in Gibellina gehört beides zusammen

Und natürlich konnte ich an einem solchen Ort nicht nur die Kunst anschauen.

Denn wer mich kennt, weiß: Früher oder später komme ich immer beim Wein an. 😉🍷

In Gibellina bin ich auf die Tenute Orestiadi gestoßen. Das Weingut wurde 2008 in Gibellina gegründet und versteht seine Arbeit ausdrücklich als Verbindung von Kunst, Landwirtschaft und Wein.

Dort habe ich einen Etna Bianco verkostet – und natürlich durfte eine Flasche mit nach Hause kommen.

Besonders spannend fand ich das Projekt Opificio Gibellina.

Hier treffen die Tenute Orestiadi und die Accademia di Belle Arti di Brera aufeinander. Künstler gestalten Etiketten und bringen ihre eigene Interpretation des Weines und des Ortes ein.

Wein wird damit nicht einfach nur zum Produkt.

Er wird zum Träger einer Geschichte.

Und plötzlich schließt sich für mich der Kreis.

Kunst und Wein.
Tradition und Neuanfang.
Erde und Mensch.

In Gibellina gehört alles irgendwie zusammen.

Genau diese Verbindung habe ich während meines Besuchs bei den Orestiadi als besonders stimmig empfunden. Kunst begegnet einem dort nicht nur in der Stadt. Sie findet ihren Weg bis auf die Weinflasche – und damit letztlich bis auf unseren Tisch.

Gibellina 2026 – eine besondere Zeit für einen Besuch

Und gerade in diesem Jahr ist Gibellina noch einmal besonders sichtbar.

2026 trägt die Stadt den Titel „Capitale italiana dell’Arte contemporanea“ – Italienische Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst.

Die Fondazione Orestiadi beschreibt diese Auszeichnung als Höhepunkt eines Weges, der mit der Vision von Ludovico Corrao und dem Engagement der Bevölkerung begonnen hat.

Für mich macht das die Geschichte noch interessanter.

Denn Gibellina wurde nicht zu einem besonderen Ort, weil sie eine Katastrophe erlebt hat.

Sie wurde zu einem besonderen Ort, weil Menschen versucht haben, mit dieser Geschichte weiterzuleben und ihr eine neue Bedeutung zu geben.

Und genau deshalb ist Gibellina für mich weit mehr als ein Ausflugsziel.

Eine Caponata als Erinnerung an Sizilien

Auf meiner Reise gab es natürlich auch kulinarische Entdeckungen.

Eine Caponata ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben: mit Sesam und einer ganz leichten Schärfe.

Caponata gehört zu den großen Klassikern der sizilianischen Küche. Auf der Insel gibt es zahlreiche regionale Varianten. Typisch ist das Zusammenspiel von Auberginen mit süßen, sauren, salzigen und würzigen Aromen.

Meine Variante für diesen Beitrag ist deshalb ausdrücklich nicht „das Originalrezept von Gibellina“.

Sie ist vielmehr eine kulinarische Erinnerung an meinen Sizilienbesuch – und genau deshalb passt sie für mich hierher.

Sizilianische Caponata mit Sesam und einem Hauch Schärfe

Zutaten für 4 Personen

  • 2 mittelgroße Auberginen
  • 2 Stangen Staudensellerie
  • 1 kleine rote Zwiebel
  • 2 EL grüne Oliven, entsteint
  • 1 EL Kapern
  • 300 g stückige Tomaten
  • 1 EL Tomatenmark
  • 2 EL gerösteter Sesam
  • 1–2 EL Weißweinessig
  • 1 TL Zucker
  • Olivenöl, zum Beispiel das sizilianische Bio-Olivenöl Amuri
  • Salz und schwarzer Pfeffer
  • etwas Chili nach Geschmack
  • frisches Basilikum oder glatte Petersilie

Zubereitung

1. Auberginen vorbereiten
Die Auberginen in etwa 2 cm große Würfel schneiden, leicht salzen und etwa 20 Minuten stehen lassen. Anschließend trocken tupfen.

2. Auberginen braten
Olivenöl in einer großen Pfanne erhitzen und die Auberginen portionsweise goldbraun braten. Herausnehmen und beiseitestellen.

3. Gemüse anschwitzen
Die Zwiebel fein schneiden und im verbliebenen Öl glasig werden lassen. Den Sellerie in kleine Stücke schneiden und dazugeben.

4. Tomaten und Würze
Das Tomatenmark kurz mitrösten. Anschließend die Tomaten dazugeben. Oliven und Kapern hinzufügen und alles einige Minuten sanft köcheln lassen.

5. Das typisch sizilianische Spiel aus süß und sauer
Essig und Zucker miteinander verrühren und zur Sauce geben.

Jetzt kommt der Moment, an dem man probieren sollte: Die Caponata soll nicht einfach süß und nicht einfach sauer schmecken.

Beides muss miteinander ins Gleichgewicht kommen.

6. Auberginen zurück in die Pfanne
Die gebratenen Auberginen unterheben und alles noch etwa zehn Minuten bei kleiner Hitze ziehen lassen.

7. Sesam und Schärfe
Zum Schluss den gerösteten Sesam darübergeben und mit ganz wenig Chili abschmecken.

Die Caponata schmeckt lauwarm besonders schön – und am nächsten Tag oft sogar noch besser.

Dazu ein gutes Stück Brot, ein Glas sizilianischer Wein und ein bisschen Zeit.

Mehr braucht es manchmal nicht.

Und was bleibt von Gibellina?

Vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Ort so berührt hat.

Gibellina erzählt keine einfache Geschichte.

Da ist die Katastrophe.
Da ist der Verlust.
Da sind Entscheidungen, über die bis heute diskutiert wird.

Aber da ist eben auch etwas anderes.

Die Entscheidung, nicht stehenzubleiben.

Eine neue Stadt. Kunst mitten im Alltag. Ein Theater. Eine Stiftung. Weinberge.
Eine Kellerei.

Menschen, die ihre Landschaft bewirtschaften und gleichzeitig ihre Geschichte weitertragen.

Und Kunstwerke, die daran erinnern, dass Zukunft manchmal nicht darin besteht, das Alte wieder genauso aufzubauen.

Manchmal bedeutet Zukunft, etwas Neues entstehen zu lassen und dabei die Erinnerung mitzunehmen.

Genau dieses Gefühl habe ich von meiner Reise nach Gibellina mit nach Hause genommen.

Und vielleicht ist das der Grund, warum dieser Ort auch fast drei Monate später noch so lebendig in mir ist.

Ich komme selten nur mit einer Flasche Wein von einer Reise nach Hause.

Ich bringe eine Geschichte mit.

Und Gibellina hat mir eine ganz besondere Geschichte erzählt.

Buon appetito und bleibt gesund!

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